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Stellungnahme

„Niemand wird behaupten, dass die Deutschen als Gesamtheit die Juden für ‚lebensunwürdig‘ erklärt hätten, wie es Hitler und seine Apostel taten. Aber unverkennbar hatte die Feindschaft gegen die Juden schon vor 1933 einen Grad angenommen, der für sie höchst gefährlich war.“

Quelle: Ebbinghaus, Carl-Hermann: Professoren und Studenten, in: Der Ruf, Heft 2, 1.9.1946, zit. n.: Schwab-Felisch, Hans (Hg.), Der Ruf. Eine deutsche Nachkriegszeitschrift, München 1962, S. 188-195, S. 193.

 

 

Sehr geehrte Vertreter der Medien,
sehr geehrte Kollegen,
sehr geehrte Öffentlichkeit,

ich bedanke mich für die zahlreichen Anfragen in den vergangenen Tagen. Jedoch möchte ich weder Interviews geben, noch das Vorgehen des Bundespräsidialamtes, seines Gutachters Professor Dr. Michael Wildt und dessen Mitarbeiter Dr. Sören Flachowsky in einer medialen Berichterstattung kommentieren.

Es war und ist meine Auffassung, dass Autoren hinter ihr Werk und Wissenschaftler hinter ihre Ergebnisse zurücktreten sollten. Daher bitte ich um Nachsicht, dass ich gerade aktuell meine Forschungsergebnisse – auch zur Dienstvilla des Bundespräsidenten für sich selbst sprechen lassen möchte.

Jedoch ist mir aufgrund des Tenors vieler Anfragen, nicht zuletzt auch von Kollegen, die nun an mich herantreten klar, dass ein Diskurs nicht in Gang kommen kann, wenn ich gar keine Stellung nehme. Dass eisernes Schweigen über viele Monate keine guten Folgen hat (wenngleich die aktuelle Entwicklung in Bezug auf eine bestimmte causa mutmaßen lässt: durchaus gute Gründe) haben andere eindrucksvoll bewiesen und diesem Beispiel möchte ich nicht folgen.

Daher habe ich mich entschlossen, einige der mir übermittelten Fragen verschiedener Herkunft auszuwählen und auf dieser Internetseite schriftlich zu beantworten.

Die Fragen habe ich teilweise gekürzt und in eine Reihenfolge gebracht, die mir schlüssig schien.

Medienvertreter und Journalisten können diese Antworten gerne in Ihrer Berichterstattung zitieren.

Mit freundlichen Grüßen
Julien Reitzenstein
12.08.2017

Worum geht es bei dem „Fall“ Dienstvilla des Bundespräsidenten?

Die Dienstvilla des Bundespräsidenten in der Pücklerstraße 14 in Berlin-Dahlem gehörte bis 1933 dem jüdischen Perlenfabrikanten Hugo Heymann.

Dieser verkaufte die Villa für einen vergleichsweise niedrigen Preis, um zu emigrieren und den Schikanen der Nationalsozialisten zu entgehen. Der nächste Besitzer war ein Nationalsozialist und Verleger, dessen Publikationen mit rassistischer Propaganda zur Radikalisierung der Nazis beigetragen haben.

Da es Hugo Heymann über Jahre nicht gelang, Deutschland zu verlassen, wurde er am Ende von der Gestapo misshandelt und starb.

In einem nach heutigen Maßstäben skandalösen Gerichtsverfahren nach dem Krieg erhielt die Witwe Heymanns die Villa nicht zurück. Die Familie des Verlegers verkaufte sie dem Staat.

Wie stehen diese Erkenntnisse in Zusammenhang mit Ihren Forschungen?

Im Buch „Himmlers Forscher“ beschrieb ich das „Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“ der SS-Wissenschaftseinrichtung „Ahnenerbe“. Diese Einrichtung hat ein ganzes Straßenkarree in Dahlem nach und nach zu ihren Gunsten „arisiert“.

Inmitten dieses geschlossenen Komplexes lag eine Villa, derer offenbar die mächtigen SS-Offiziere nicht habhaft werden konnten.

Da stand die Frage im Raume, weshalb diese NS-Täter auf dem Areal in Dahlem monströse Verbrechen, darunter grausame Experimente an KZ-Häftlingen, organisieren konnten, aber vor diesem Haus Halt machten.

Irgendwer mit sehr guten Verbindungen musste der Bewohner gewesen sein. So stieß ich auf den Verleger Waldemar Gerber und die Art und Weise, wie er 1933 die Villa in seinen Besitz brachte.

Haben Sie die Akten des Restitutionsprozesses eingesehen und wie bewerten Sie diese?

Im Bereich Provenienzforschung und Restitution ist nicht nur die historische Einordnung wichtig, sondern auch die rechtliche Beurteilung.

Es gab im Restitutionsverfahren einige Besonderheiten, die ich für rechtlich ausgesprochen fragwürdig halte.

Ich wage sogar die Behauptung: Würde Heymanns Witwe heute diesen Prozess führen, wäre er sehr kurz und sie würde ihn mit großer Wahrscheinlichkeit gewinnen.

Wie sind Sie mit den gewonnenen Erkenntnissen und Archivfunden umgegangen?

Die Erkenntnisse habe ich auf wenigen Seiten in „Himmlers Forscher“ umrissen, denn sie waren nicht Kern meiner Studie, die sich im Wesentlichen damit befasste, aufzuklären, welche Medizinverbrechen dieses SS-Institut wie begangen hat und wer eigentlich die Opfer waren.

Das ist für mich das Bemerkenswerte: Seit 1945 werden verschiedene Zahlen von Opfern der grausamen Kampfstoffexperimente genannt – und vor allem immer nur: „Die Opfer“.

Offenbar hat sich niemand die Mühe gemacht, die Identität dieser Menschen zu ermitteln.

Diese namenlosen Opfer aus der Anonymität zu holen, ein würdiges Gedenken zu ermöglichen und ihr Schicksal zu dokumentieren, war ein wichtiger Aspekt dieser Studie.

Der Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten gebietet, dass dessen Mitarbeiter nicht aus dem Buch oder den zahlreichen darüber berichteten Zeitungen von meiner Berurteilung der Geschichte der Dienstvilla erfahren müssen.

Also ging ich viele Monate vor Drucklegung Mitte 2014 mit den Fahnen des Buches ins Bundespräsidialamt und wurde sehr freundlich auf hoher Ebene empfangen.

Dort konnte ich die beabsichtigten Textseiten über die Geschichte der Dienstvilla und die ermittelten Quellen und Ergebnisse vorstellen.

Weshalb hat das Bundespräsidialamt bis heute keine Gedenktafel oder Stolpersteine vor der Villa initiiert?

Das Präsidialamt ist meiner Anregung für eine Gedenktafel in der vergangenen drei Jahren zögerlich. Das Vorgehen einer hoch angesehenen Behörde mag hinterfragen oder kritisieren, wer will. Ich werde mich daran nicht beteiligen.

Meine Anregung hatte im Fokus, dass sowohl das historisch belastete Gelände des Ahnenerbes, Ausgangspunkt unsäglichen Leids für so viele seiner Opfer, als auch die Villa mit ihrem NS-Vorbesitzer und ihrem jüdischen Vorbesitzer wissenschaftlich in einen historischen Kontext gestellt werden könnten, der dann auf einer Gedenktafel präsentiert wird.

Die Stolpersteine wurden – allerdings nicht vom Präsidialamt – bereits Ende 2014 bestellt und kurz darauf bezahlt.

Eine Verlegung war für November 2015 geplant.

Verschiedenste Teilnehmer hatten ihr Kommen avisiert: Kollegen verschiedener Universitäten, Vertreter des Bundestages, oberster Bundesbehörden, Kirchen, etc. Nach einem Dialog zwischen der Stolperstein-Initiative und dem Bundespräsidialamt fand die Verlegung bis heute nicht statt.

Sie sind „forensischer Historiker“, Sie forschen also mit rechtswissenschaftlichen und geschichtswissenschaftlichen Methoden zur Provenienz von Immobilien und Wertgegenständen, bzw. begleiten Restitutionsprüfungen. In Ihren Publikationen befassen Sie sich jedoch sehr oft mit dem Schicksal von Opfern des NS-Regimes, wie auch dem Vorbesitzer der Dienstvilla. Wo ergeben diese beiden Arbeitsbereiche Schnittmengen?

Können Sie sagen, welche Schulterstücke der Polizist hatte, der Ihnen vor einem Jahr ein Strafmandat gab? Zeitzeugen erinnern sich meines Erachtens in der Regel ehrlich, aber nicht richtig. Darum prüfe ich Sachverhalte auf mehreren Ebenen und plausibilisiere sie.

Beispielsweise betrachte ich die Sach- und Rechtslage von Immobilienverkäufen 1932/33 im Fall der Dienstvilla.

Oder ich ordne die medizinische These bei der Herstellung von Blutstillmitteln aus Äpfeln und Rüben ein, um zu erfahren, ob dieses Prestigeprojekt bei der SS vom wissenschaftlichen Standpunkt gesehen seriös war oder Pseudowissenschaft.

Auf dieser Grundlage qualifiziere ich dann, ob und wie KZ-Häftlinge als Versuchspersonen misshandelt wurden. Ein anderes Beispiel sind die Kampfstoffversuche im KZ Natzweiler. Die Historiker nennen unterschiedlichste Teilnehmerzahlen: Beim Kampfstoff Lost zwischen 15 und 220 Personen. Es kann nur eine Zahl stimmen. Wenn dann im Standardwerk in der Rubrik Opfer steht „min. 7 Tote, bzw. etwa 50 Tote“ lädt das ein, in Archive zu gehen und zu plausibililieren.

Es ist der Würde der Opfer unangemessen, über ihr Schicksal zu spekulieren. Sie haben präzise Aufklärung verdient, die zudem jeder möglichen Kritik von NS-Relativierern standhalten würde. Ähnlich war es bei den Opfern des grausamen Verbrechens der Straßburger Schädelsammlung.

Jeder Anatom zeigt Ihnen in wenigen Sätzen, dass das Vorhaben, was in den Büchern einiger Kollegen als Tatsache beschrieben wird, aus medizinischen und chemischen Gründen so nicht realisierbar gewesen wäre, und dies den beteiligten NS-Tätern auch bewusst war. Es muss also andere Motive und Abläufe gegeben haben, als jene, die Täter und andere Zeitzeugen erinnern wollen oder können.

Wenn Sie mit den Angehörigen der Opfer solcher Jahrtausendverbrechen sprechen, können Sie denen nicht sagen: „Irgendwie wird sich das schon abgespielt haben.“ Angehörige möchten Gewissheiten. Und diese Gewissheiten sind auch bei der Restitution elementar.

Stellen Sie sich vor, Sie irren bei Gutachten, beispielsweise, dass ein Haus nicht verfolgungsbedingt enteignet wurde – dann werden die NS-Opfer praktisch ein zweites Mal und endgültig enteignet.

Oder es liegt keine verfolgungsbedingte Enteignung vor, und den Familien, die etwas ehrlich erworben und bezahlt haben, wird daraufhin heute vom Gericht ihr Eigentum entzogen. Die Schnittmenge ist das Streben nach möglichst belastbaren rechtlichen, geschichtlichen, medizinischen, etc. Gewissheiten.

Das Bundespräsidialamt hat im Juni 2016 einen Vertrag mit Professor Dr. Michael Wildt geschlossen, um Ihre Recherchen zu begutachten. Kennen Sie Herrn Professor Wildt?

Herr Professor Wildt ist ein ausgewiesener Experte für die Geschichte des Nationalsozialismus. Seine von mir sehr geschätzten Arbeiten haben mir wichtige Impulse gegeben. Ich bin ihm nur wenige Male begegnet, immer sehr freundlich.

Mit seinem Mitarbeiter Sören Flachowsky habe ich mich dann einige Male getroffen und fachlich ausgetauscht.

Zwar arbeitet er auf anderen Gebieten zur Geschichte des NS-Regimes, als ich, und wir haben nur wenige Schnittmengen in unseren Expertisen.

Aber ich schätze seine Arbeit, wie auch die von Professor Wildt sehr, weshalb ich beide in „Himmlers Forscher“ oft zitiert und positiv erwähnt habe.

Professor Wildt hat im Juni 2016 den Auftrag zu erhalten, Ihre Rechercheergebnisse zum jüdischen NS-Opfer und Vorbesitzer der Dienstvilla des Bundespräsidenten aus „Himmlers Forscher“ zu begutachten. Ebenfalls Juni 2016 behauptete sein langjähriger Mitarbeiter Sören Flachowsky in einer durch Professor Wildt veröffentlichten Rezension, dass Sie die schrecklichen Medizinverbrechen und damit die Leiden der Opfer im Buch unerwähnt gelassen haben, obwohl das „angebracht gewesen“, wäre. Wie kommt Herr Flachowsky dazu, dies zu behaupten?

Das kann ich nicht sagen. Seit der Veröffentlichung bitte ich ihn um Dialog, um diesen Punkt und weitere Punkte aus seiner Rezension zu verstehen und mich gegebenenfalls positionieren zu können. Fakt ist, die Kapitel, die die entsprechenden Abteilungen der untersuchten Einrichtung behandeln, bestehen praktisch nur aus Schilderungen der Verbrechen und der Verbrecher.

Für einen Historiker kann es üble Folgen haben, wenn ein NS-Experte im Internet urteilt, dass man nur ungewollt zu richtigen Ergebnissen kommt und einem die Leiden der Opfer keine Zeile wert sind.

Aber ich gehe nicht davon aus, dass der Kollege Flachowsky mir übel mitspielen wollte.

Erfahrene Professoren meiner Fakultäten gehen genauso wie ich davon aus, dass er vielleicht das Buch einfach nur nicht richtig gelesen hat, bevor er dennoch seine Urteile über Buch und Autor veröffentlichte.

Wer Bücher schreibt, muss damit rechnen, dass sie jemand nicht richtig liest und dennoch Wertungen vornimmt oder einfach nur anderer Meinung ist. Gerade die Befassung mit dem NS-Regime zeigt mir immer wieder, wie wichtig die Meinungsfreiheit ist.

Zwar hat diese auch rechtliche Grenzen – dort wo Behauptungen gleichzeitig unwahr sind, als auch ehrverletzend – aber innerhalb dieser Grenzen muss jeder alles äußern dürfen.

Insofern dürfen Redakteur Professor Wildt und Rezensent Dr. Flachowsky mein Buch ganz furchtbar finden und mich ebenso.

Aber wenn es nicht um Meinungen geht, sondern um „Lüge oder Wahrheit“ ist es gerade den Opfern gegenüber wenig angemessen, Unwahrheiten über deren Erforschung zu verbreiten – was auch immer der Grund für diese Behauptungen sein mag.

Kurzum: Ich weiß misslicherweise nicht, wie Herr Dr. Flachowsky zu seinen Behauptungen kommt.

Nachtrag aus aktuellem Anlass: Frage vom 16.08.2017. Einige Medien berichten, dass die Pücklerstraße 14 nicht der letzte frei gewählte Wohnsitz der Familie Heymann war und deshalb kein Stolperstein dort liegen kann. Stimmt das?

Zunächst einmal: Mir geht es nicht um den Stolperstein und wo er liegt. Die Liegenschaft hat zweifelsfrei einen jüdischen Voreigentümer, der von der Gestapo zu Tode verhört wurde und dann einen strammen Nationalsozialisten als Eigentümer. Solche Konstellationen sollten zu einer sichtbaren historischen Einordnung führen. Ob dann nur ein Stolperstein liegt oder eine Gedenktafel oder eine der „Berliner Stelen“ oder ein Museum entsteht, müssen die Beteiligten entscheiden. Diese Dinge weiß ich beim Bundespräsidialamt seit meinem sehr freundlichen Empfang Mitte 2014 in guten Händen.

Wenn nun die Stolpersteine und der letzte frei gewählte Wohnsitz angesprochen werden:

Der Künstler Gunther Demnig, der die beeindruckende Gedenkform der Stolpersteine entwickelt hat, lässt wissen, dass in derartigen Konstellationen auch Doppelverlegungen an zwei Orten möglich sind.

Es kann keine Zweifel geben, dass Hugo Heymann 1933 den Entschluss fasste, nach Skandinavien zu emigrieren, um Schikanierungen durch da NS-Regime zu entgehen. Dazu soll er Zeugen zufolge bereits vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Fabrikationsanlagen nach Norwegen verschickt haben, um dort weiter zu arbeiten. Es mag manchem jungen Redakteur nicht bewusst sein, aber man konnte 1933 nicht einfach zum Fahrkartenschalter gehen, ein Ticket kaufen und in ein anderes Land ziehen. Vor der Ausreise mussten zahlreiche Formalien – von Zahlung der „Reichsfluchtsteuer“ über Beantragung von Pässen bis zur Erlangung eines Visums – erledigt sein. Beispielsweise verlangten viele Länder damals, dass der Flüchtende einen entsprechenden Bargeldbestand vorweist. Doch auch Geld konnte man durch die Devisenbewirtschaftung nicht einfach ins Ausland überweisen.

Hugo Heymann wollte vor den Nazis flüchten und hat DESHALB seine Villa verkauft. Bis zur Klärung der Formalien musste er ja nun irgendwo wohnen – und die wertvollen Möbel irgendwo hinstellen, die ihm gehörten. Ihm vorzuwerfen, dass er diese während der Ausreisevorbereitung genutzte Wohnung ein frei gewählter Wohnsitz war, ist mindestens originell. Denn das impliziert, dass er direkt aus der Villa ins Ausland hätte gehen müssen, damit dieser letzter frei gewählter Wohnsitz gewesen sei. Die Liegenschaft von Skandinavien aus zu verkaufen, ist ein ebenso bemerkenswerter Gedanke, wie die Vorstellung, dass er einfach so hätte ausreisen können.

Fazit: Der Verkauf der Villa erfolgte als Teil des Entschlusses, zur Flucht vor den Nazis zu emigrieren. Folglich ist sie für mich der letzte frei gewählte Wohnsitz.

Die unwürdige Diskussion um den letzten frei gewählten Wohnsitz lenkt viel zu sehr von dem Kern der Angelegenheit ab, dem Leid, das der Familie Heymann zugefügt wurde.

Mich erreichte eine Zuschrift, die an Janusz Korczak erinnerte. Der polnische Pädagoge leitete ein Waisenhaus. Als seine Waisenkinder in das Vernichtungslager Treblinka abtransportiert wurden, begleitet er freiwillig seine Kinder in den Tod. Als nächstes, so die Zuschrift, behauptet noch jemand, Treblinka sei der letzte frei gewählte Wohnsitz von Korczak, da er ja freiwillig dorthin zog. Ich teilte mit, dass ich diesen Vergleich ebenfalls für geschmacklos halte. Aber es zeigt, wie sensibel die Frage nach der Freiwilligkeit bei Verkäufen und Wohnsitzwahl unter dem NS-Regime behandelt werden sollten.

Dazu darf ich ergänzen: Das Präsidialamt weiß ganz gewiss genau, was es tut und braucht keine Belehrungen durch die Medien oder Spekulationen über die Freiwilligkeit von vorübergehenden Wohnortauswahlen Emigrierender. Ohne Kenntnis der Sachverhalte und historischen Akten den jüdischen Vorbesitzer der Villa nun mit pietätlosen Argumentationen zu diffamieren, führt zu Skandalpotential, die dem Ort, der Dienstvilla unseres Staatsoberhauptes, kaum zuträglich sein dürften.

Aus aktuellem Anlass: Focus Online fragte am 17.08.2017 - da ich mich Medien gegenüber nicht äußern mag - rhetorisch: "Gerade daher stellt sich aber die Frage, warum Heymann ausgerechnet in dieser Zeit seinen Besitz überstürzt habe verkaufen sollen, wenn er nicht tatsächlich ausreisen wollte." Genau das ist der springende Punkt.

Dieser Punkt war Gegenstand der von mir im März/April 2014 vorgelegten Ergebnisse. Gerade deshalb ist die Diskussion um den letzten frei gewählten Wohnsitz eine Nebelkerze. Die Stolperstein-Initiative lässt auf spiegel.de wissen, dass man die Wohnsitzfrage prüfe. Die Bestellung des Stolpersteins ist fast drei Jahre her.

Darum bleibe ich dabei: Hugo Heymann wollte sich vor den Nazis in Norwegen in Sicherheit bringen, verlagerte Zeugen zufolge einen Teil der Produktionsanlagen kurz vor der Machtübernahme dorthin und bot seine Villa, seine Fabrik und seine Zinshäuser zum Kauf an. Die ihm gebotenen Preise dürften, wie in anderen Fällen auch, immer weiter gefallen sein, die Ausplünderungsmaßnahmen des NS-Regimes hingegen gestiegen.

Aus aktuellem Anlass: 18.08.2017: Der Artikel auf Spiegel Online stellt den Sachverhalt sehr gut dar. In verschiedenen Foren wird jetzt vermutet, dass der Gutachter antisemitisch sei.

  Aus aktuellem Anlass: 18.08.2017: Der Artikel auf Spiegel Online stellt den Sachverhalt sehr gut dar. In verschiedenen Foren wird jetzt vermutet, dass der Gutachter antisemitisch sei.

Beobachter von Debatten unter Historikern wissen sehr gut, wie einfach es ist und wie schnell es geht, mit wenigen Andeutungen den Eindruck zu erwecken, jemand habe seinen moralischen und politischen Kompass verloren.

Auf Fachleute mag das absurd wirken, wenn dies Menschen unterstellt wird, die seit Jahren zu NS-Opfern forschen. Jedoch sind die meisten Leser des Internet keine Fachleute.

Ganz rasch entbrennen offen und vor allem verdeckt Debatten, die auch andere Berliner Professoren in ungeheuerlich entwürdigender Weise unter Druck gesetzt haben. Wer nie und zudem ungerechtfertigt einem solchen Verdacht ausgesetzt war, kann kaum ermessen, welche Konsequenzen so etwas für den Betreffenden und sein Umfeld haben kann.

Im vorliegenden Falle muss daher unbedingt verhindert werden, dass die mittlerweile zahlreichen Forendiskussionen an verschiedenen Stellen im Internet sich aufschaukeln.

Herr Professor Dr. Wildt in ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der NS-Forschung. Bei jemandem mit seiner Lebensleistung und seinen Aktivitäten über die Wissenschaft hinaus ist offensichtlich, dass es keine antisemitischen oder rechtslastigen Tendenzen gibt. Wer sein Leben der Erforschung totalitärer Strukturen und ihrer Opfer widmet, dürfte sogar immun gegen Derartiges sein.

Manche Formulierung des Gutachtens scheint unglücklich, aber es ist doch ersichtlich, dass es eine Bearbeiterin gab und Professor Wildt darum das Gutachten nicht allein produziert hat. Ihn dafür nun zu kritisieren, ist ungehörig und falsch.

Ich fordere, diese Diskussionen sofort einzustellen. Herrn Professor Wildt als „antisemitischen Heini“ zu bezeichnen, ist eine unrechtfertige Anschuldigung, von der man sich distanzieren muss.